Zitat von Christian Garve
In der Tat versetzt uns die Lesung jedes guten Buchs in die Gegenwart eines verständigen Mannes.
In seiner Stube ohne Menschen eingeschlossen sein, auch wenn man Bücher zu Gesellschaftern hat, bringt doch auf die Länge eine gewisse Leerheit und Trockenheit des Geistes hervor.
Jede Leidenschaft, welche in der Einsamkeit schläft, wacht in der Gesellschaft auf.
Mit jedem Menschen, der geboren wird, erscheint die menschliche Natur immer wieder in einer etwas veränderten Gestalt.
Nichts beleidiget mehr als Verachtung: und es ist immer eine Art derselben, wenn wir das, was andre der Mühe wert geachtet haben, uns vorzutragen, nicht eines aufmerksamen Anhörens wert halten.
Nur die Selbstbeobachtung enträtselt uns die Geheimnisse, die wir sonst in den Reden und Handlungen andrer finden würden.
Seit der Erfindung der Schreibkunst und noch mehr seit der Einführung des Bücherdrucks haben sich die Mittel des Unterrichts auch für den Einsamen vervielfältigt.
Unlust entsteht, wenn der Körper Teile verliert oder wenn sich andere anhäufen. Lust entsteht, wenn jener Mangel ersetzt wird oder dieser Überfluss wegfällt.
Vor tausend Jahren hatten die Pflanzen dieselben Formen und Farben wie heute. Aber die Menschen der damaligen Zeit wie erstaunlich sind sie von den unsrigen verschieden!
Wir müssen von Zeit zu Zeit die Lektüre unterbrechen, um uns von den Eindrücken, welche sie auf uns macht, Rechenschaft zu geben.
Zeitungsblätter und geschriebene Nachrichten aller Art melden uns auf unsern Zimmern, was in der ganzen Welt vorgeht. Wir können jetzt die entlegensten Länder und ihre Bewohner kennen, ohne, dass wir sie selbst bereisen.
Auch die K?nige irren sich, wenn sie ?ber ihre Regierung, die Heerf?hrer, wenn sie ?ber ihre Feldz?ge schreiben: wie viel mehr, wenn sie davon reden.
Daher l?sst sich auch die Naturhistorie nicht aus B?chern allein lernen, Sondern man muss aufs Feld hinausgehn, die W?lder durchstreichen, in die Kl?fte der Erde hinabsteigen.
Das, was man im Gespr?che lernt, hat auch gleich die Form und den Ausdruck, in welchen es sich am leichtesten wieder an andre im Gespr?che mitteilen l?sst.
Dass wir in den sch?nsten und reichsten L?ndern und besonders in den durch Natursch?nheiten sich auszeichnenden Gebirgsgegenden die muntersten, t?tigsten und geistreichsten Menschen finden.
Den Menschen kann man nicht anders als unter Menschen und im Umgange mit ihnen kennen lernen.
Denn was ist widersinniger, als die Gesellschaft der Menschen zu suchen und sich durch Unaufmerksamkeit auf das, was sie sagen, im Geiste wieder von ihnen zu entfernen?
Der Mann von gro?en F?higkeiten findet in der Gesellschaft nur wenige Personen, die ihn belehren, ja nur wenige, die ihn verstehen und ihn mit ihrem Beifalle ehren k?nnen.
Der Mensch ist auch ein Naturprodukt.
Der Mensch ist dazu gemacht, au?er sich zu leben, ehe er in sich selbst zur?ckkehrt.
Der Mensch lernt andre Sachen in der Gesellschaft als bei einem einsamen Leben: Und er wird auf ein andre Art im Denken ge?bt.
Der Soldat lebt, der Natur seines Berufs nach, immer in einem Get?mmel.
Die Eitelkeit, unsere Einsichten andern zeigen zu wollen, ist es unstreitig, was uns anf?nglich bewegt, die M?he des Studierens zu ?berwinden.
Die gew?hnlichen Gegenst?nde unsers Gespr?chs, besonders wenn beide Geschlechter sich in Gesellschaft vereinigen, sind teils einf?rmig, teils geringf?gig: Und der Gelegenheit zu lernen gibt es darin nur wenige.
Die Reize der Wissenschaft, so wie die der Tugend, werden erst dann empfunden, wenn man in beiden schon betr?chtliche Fortschritte gemacht hat.
Die Schrift ist ein toter Buchstabe, den nur die Einbildungskraft und der Verstand des Lesens beleben kann.
Durch Umgang mit Reisenden lernt man entfernte L?nder ebenso wohl als aus Reisebeschreibungen kennen: zwar nicht mit gleicher Vollst?ndigkeit, aber oft mit mehrerer Wahrheit.
